Grenzen verlaufen nicht nur entlang der Erdoberfläche, sondern auch durch die Herzen. Noch bevor der Erde durchziehen sie die Herzen. Vermutlich deswegen kann man ein Land besser verstehen, indem man auf die Geschehnisse an dessen Grenzen schaut. Die Schmerzen, die über unsere Grenzen uns heimsuchen sind unermässlich.
Gestern sind an der Grenze 35 Menschen gestorben. 35 Zivilisten. Sie wurden aufgrund der Informationen von Heron-Aufklärungsfluggeräten als Zielscheibe ausgewählt. Man weiss nicht, was genau passierte. Die an verantwortlichen Stellen hüllen sich in Schweigen. Der Generalstab soll verlautbart haben, dass es sich bei dem betreffenden Gebiet nicht um ein ziviles Gebiet handele. Die Nachrichtenkanäle haben nicht die Namen der Toten gebracht, während sie aber den Verlautbarungen des Generalstabs breiten Raum gaben. Nicht nur nach Zahl, auch nach dem Namen unbekannte Tote, die in Wolldecken umhüllt auf Traktorenanhängern zum Begräbnis gefahren werden. Es handelt sich um Schmuggler, die lediglich von ihren Angehörigen betrauert werden. Auch die Fernsenkanäle bevorzugen gegenüber ihrem Schicksal das Schweigen.
Die Erklärung des Generalstabs ist unglaublich. Es heisst, es handele sich nicht um ein ziviles Gebiet. Mit dieser Logik wäre wohl die Vernichtung alles sich bewegenden Lebens im Gebiet erlaubt. Diese Erklärung rief bei mir die Länder in Erinnerung, dessen Sicherheitsparanoia wir kritisieren. Als ob der Stat die Option hätte, ausserhalb des Rechts operieren zu können. Als ob es normal wäre, im Kampf gegen Terror Zivilisten zu töten!
Was passiert ist, liegt nun vor uns. Die Menschen wurden in ihrem Leichentuch, das von der Geographie ihnen zugeschneidert wurde, zur Erde übergeben. Genauso wie die Vorherigen. Das passiert nicht zum ersten Male. Es gibt tausende von Geschichten von Schmugglern, die erzählt werden. Es gibt Gedichte, es gibt Trauerlieder. Es ist dort das Land, wo die zu Anfang des Jahrhunderts gezogenen Grenzen die Herzen schmerzen.In der Türkei wird viel über Schmuggel gesprochen, aber nicht darüber, warum und weshalb Menschen den Tod in Kauf nehmend über Grenzen ihrem Geschäft nachgehen. Es ist uns nicht bewusst, dass wir die Neugier auf die andere Seite der Grenze nicht mit materiellen Bedürfnissen erklären können.
Wären wir doch in der Lage, das Treffen von Familienmitgliedern an Grenzzäunen auch ein Mal aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Schaute man doch genauer nach, was in den Bündeln sich befinden, die über die Genzzäune zu denen auf der anderen Seite hinüberegeworgen werden. Vermutlich verwollständigt ein Liebesbrief, was glänzende Stoffe, Seidentücher angefangen haben. Die Bindungen zur Braut, die als die andere Hälfte angesehen werden, speisen sich aus tiefen historischen Bindungen. Dort wirkt die Nähe eines Herzes, das unter einer getrennten Welt verletzt ist und leidet. Die Geschichten über Schmuggler sollten auch ein bischen aus dieser Perspektive gelesen werden. Das, was auf die andere Seite der Grenze transportiert wird, ist nicht nur Zucker, Textilie, Tee oder Diesel, sondern auch die Wahrscheinlichkeit einer Ganzheit, das uns genommen wurde. Die Quelle der Not ist die Künstlichkeit der uns trennenden Grenze.
Die Grenze ist aber wichtig, als sie ihre unechte Konstruktion zu Tage fördert. Auf die unangepassten Realitäten im Innern weisen Gewalt und Schmuggel hin, die über die Grenzen eindringen. Sie hält ihnen einen Spiegel, der ihnen zeigt, was sie gemacht und wo ihre Kräfte an ihre Grenze erreicht haben. Schauen sie sich zum Beispiel die Grenze zu Iran, die mit dem Vertrag von Kasr-ı Sirin festgelegt wurde. Auch da ist das Ergebnis vergleichbar. Trotz der Jahrhunderte langen Grenzen haben sich beide Seiten nicht auseinandergelebt. Denn, das Phänomen Kultur hält sich noch an tieferen Schichten. Auch wenn sie durch die Grenze getrennt werden, sind die doch durch die Codes miteinander verbunden, die von der Tradition getragen werden.Wenn Sie sich ein Bild über ein Land machen wollen, sollten sie an die Genzen schauen. Grenzen sind die Nahtstellen eines Landes. Zugleich eine Schwachstelle, die Krankheiten zuallererst deutlich macht.
Wird denn ein Staat nicht die Lösung der Nahtstellen fördern, der im Namen der Terrorbekämpfung seinen Bürgern den Tod bringt und dabei die Verantwortung für das Unrecht, dessen sie sich schuldig gemacht hat, nicht trägt?
Die Grenze
Auch türkische Frauen gebären nicht mehr
Damals sagte Vural Öger in der Verlagsgebäude von Hürriyet im hessischen Walldorf, “„Das, was Kanuni Sultan Süleyman 1529 mit der Belagerung Wiens begonnen hat, werden wir über die Einwohner, mit unseren kräftigen Männern und gesunden Frauen, verwirklichen“. Wenn eine solche Bemerkung solche Wellen schlägt, dann trifft es wohl auf eine wunde Stelle in der Seelenlandschaft der deutschen Bevölkerung. In der Tat: Solche Aengste sind eigentlich nichts neues.
Seit Oswald Spengler Werk aus den 20ern des letzten Jahrhunderts ist das Gerede vom ‘Untergang des Abendlandes’ zu einem geflügelten Wort geworden. Es drückt Aengste aus und diese machen sich vor allem an der hohen Geburtenrate der Muslime fest. Aus einer Prognose aus den 80er Jahren beispielsweise ist zu entnehmen, falls die Entwicklung so weiterlaufe wie bislang, würde in Deutschland die einheimische deutsche Bevölkerung um das Jahr 2140 auf 40 Millionen sinken, bei gleichseitiger Zunahme der türkischstämmigen Bevölkerung ebenfalls auf 40 Millionen.
Also; Goethe und Schiller als deutsche Kulturgüter zwecks Sicherung ihres Überlebens einbuddeln oder Bibliotheken zwecks Knoservierung für spätere Generationen unter besonderen Schutz stellen? Nein, es kann Entwarnung gegeben werden. So schlimm wird es nicht kommen. Nach den neuesten Zahlen erweisen sich die türkischen Frauen weder gebärfreudig, noch nimmt die Zahl der Türken bzw. Menschen mit türkischem Hintergrund zu. Nach einer neuen Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge mit dem Titel ‘Generatives Verhalten und Migration. Eine Bestandsaufnahme des generativen Verhaltens von Migrantinnen in Deutschland’ liegt die Geburtenrate der türkischstämmigen Frauen in Deutschland durchschnittlich bei 1,8 Kindern pro Frau.
Das liegt deutlich unter der bestandserhaltenden Zahl von 2,1 Kindern pro Frau. Somit hat sich diese Zahl an die Zahl der ursprünglich deutschen Frauen mit 1.3 Kindern stark angenähert. Die Geburtenrate liegt also eindeutig unter der bestandserhaltenden Rate. Wie sieht es aber mit Zuwanderung aus der Türkei aus? Auch da kann Entwarnung (!) gegeben werden. Nach dem Migrationsbericht 2010 der Bundesregierung liegt der Nettosaldo bei türkischstämmigen Menschen in Deutschland im Minusbereich.
Danach haben 2010 30.171 Menschen aus der Türkei nachgezogen, während im gleichen Zeitraum jedoch 36.033 fortgezogen sind. Bei den zwecks Ehegattennachzug erteilten Visazahlen gab es seit 2002 ein Rückgang um 70%. 2010 wurden lediglich 7.456 Visas zwecks Ehegattennachzug erteilt. Es sieht also weder danach aus, als ob Öger recht behalten sollte, noch dass eine türkische Überfremdung droht in Deutschland. Werden also diese Zahlen zur Überwindung der Überfremdungsängste durch überdurchschnittlichen Geburt sowie Zuzug der Muslime führen?
Falls es sich um rationale Aengste handeln sollte, dürfte man davon ausgehen. Aber wer sagt denn, dass es sich dabei um rationale Aengste handelt? (ik)
Ausbildungschancen junger Migrantinnen und Migranten: Große Unterschiede je nach Herkunftsland
Dass die Suche nach einer Ausbildungsstelle für Jugendliche aus Familien mit einer Migrationsgeschichte viel schwieriger ist als für Jugendliche ohne Migrationshintergrund, ist bekannt; dass es aber auch innerhalb der Gruppe der jungen Migrantinnen und Migranten noch einmal große Unterschiede je nach ihrer Herkunftsregion gibt, zeigt eine aktuelle Analyse des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). So ist es insbesondere für Jugendliche, deren Familien aus der Türkei oder arabischen Staaten stammen, deutlich schwerer, einen Ausbildungsplatz zu finden, als für Jugendliche anderer Herkunftsregionen – auch wenn sie über die gleichen Schulabschlüsse verfügen.
Die Ergebnisse der BIBB-Untersuchung sind in der aktuellen Ausgabe von BIBB REPORT, Heft 16/11, veröffentlicht.
Die Untersuchung des BIBB beruht auf der Befragung ausbildungsreifer Jugendlicher, die bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) als Bewerber/-innen um einen Ausbildungsplatz gemeldet waren (BA/BIBB-Bewerberbefragung 2010). Sie zeigt, dass sich bei Bewerberinnen und Bewerbern mit türkisch-arabischem Hintergrund kein Vorteil eines mittleren Schulabschlusses erkennen lässt. Die Übergangsquoten in eine betriebliche Ausbildung sind mit 20 % ebenso niedrig wie bei maximal einem Hauptschulabschluss. Selbst wenn diese Jugendlichen eine (Fach-)Hochschulreife vorweisen können, bleiben ihre Aussichten gering (26 %).
Bei Bewerberinnen und Bewerbern südeuropäischer Herkunft ist dies anders: Während auch ihnen mit einem Hauptschulabschluss nur vergleichsweise selten der Übergang gelingt (22 %), steigt ihre Erfolgswahrscheinlichkeit bei einem mittleren Schulabschluss bereits beträchtlich an (40 %). Besitzen sie die (Fach-)Hochschulreife, so ist die Einmündungsquote mit 59 % sogar die höchste von allen Vergleichsgruppen – einschließlich der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.
Die gemeldeten Bewerber/-innen mit südeuropäischer Herkunft besitzen mit 48 % am häufigsten maximal einen Hauptschulabschluss. Bei türkisch-arabischer Herkunft sind es 45 %, bei osteuropäischer 43 %. Ohne Migrationshintergrund beträgt der Anteil lediglich 33 %. Bewerber/-innen mit türkisch-arabischem Hintergrund weisen relativ häufig einen mittleren Schulabschluss (45 %) auf, aber nur selten die (Fach-)Hochschulreife (7 %). Bei südeuropäischer Herkunft erreichen die entsprechenden Anteile 38 % und 10 %, bei osteuropäischer Herkunft 42 % und 13 % (ohne Migrationshintergrund 51 % und 14 %).
Junge Migrantinnen und Migranten werden bei der Ausbildungsplatzsuche zudem seltener zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Während sich mehr als drei Fünftel der Bewerber/-innen ohne Migrationshintergrund persönlich in Betrieben vorstellen können, trifft dies nur auf die Hälfte der jungen Migrantinnen und Migranten zu. Noch niedriger liegt der Anteil bei Jugendlichen mit türkisch-arabischem Hintergrund (46 %).
Angesichts solcher Zahlen sieht BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser weiteren Forschungsbedarf: „Das BIBB wird daher die Auswahlprozesse der Betriebe bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen noch differenzierter untersuchen.“ Esser plädiert dafür, insbesondere Jugendlichen mit Migrationshintergrund über eine verstärkte Berufsorientierung und Praktika einen Einblick in die Betriebe und damit den Betrieben beste Voraussetzungen für die Rekrutierung ihres Nachwuchses zu ermöglichen. So hätten beide Seiten – Betrieb und Jugendliche – die Möglichkeit, sich kennen und schätzen zu lernen. „Denn letztendlich müssen wir allen eine faire Chance auf Ausbildung geben. Nur so kann eine wirkliche Integration unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger gelingen.“
Bis Ende 2010 sind zudem nur 28 % der Bewerber/-innen aus Familien mit einer Zuwanderungsgeschichte erfolgreich in eine betriebliche Berufsausbildung eingemündet, gegenüber 42 % bei denjenigen ohne Migrationshintergrund. Während bei einer ost- oder südeuropäischen Herkunft die Aufnahme einer betrieblichen Ausbildung mit 34 % beziehungsweise 33 % etwas häufiger gelingt, sind es bei einem türkisch-arabischen Hintergrund lediglich 20 %.
Die Bewerber/-innen, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz gefunden haben, sind am Jahresende 2010 in unterschiedliche Alternativen eingemündet. Ein kleiner Teil befindet sich in außerbetrieblicher beziehungsweise schulischer Berufsausbildung oder einem Studium (mit Migrationshintergrund: 13 %, ohne: 15 %). Die übrigen Bewerber/-innen gehen zum Beispiel weiter zur Schule, besuchen einen teilqualifizierenden Berufsbildungsgang, jobben oder sind arbeitslos. Dies kommt bei jungen Migrantinnen und Migranten häufiger vor als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund (55 % zu 40 %).
Insgesamt sind die Bewerber/-innen mit Migrationshintergrund mit ihrer aktuellen Situation daher auch unzufriedener als diejenigen ohne Migrationshintergrund. Seltener ist ihr Verbleib „wunschgemäß“ oder entspricht einer „in Betracht gezogenen Möglichkeit“ (48 % zu 60 %). Öfter stufen sie hingegen ihre Situation als „Notlösung“ oder „Sackgasse“ ein (21 % zu 16 %). Bei den Jugendlichen mit türkisch-arabischer Herkunft trifft dies sogar auf ein Viertel zu.
Hintergrund:
Von den rund 552.000 im Berichtsjahr 2009/2010 bei der BA gemeldeten Bewerber/-innen haben 26 % einen Migrationshintergrund. Von ihnen kommt über ein Drittel (36 %) aus osteuropäischen und den GUS-Staaten. Sie selbst beziehungsweise ihre Familien sind meist ab Ende der 1980er-Jahre als (Spät )Aussiedler/-innen nach Deutschland eingereist. Fast ebenso groß (35 %) ist der Anteil mit türkischem oder arabischem Hintergrund, wobei die Mehrheit aus der Türkei stammt. Sie sind größtenteils Nachfahren türkischer „Gastarbeiter“, die in den 1960er- bis Anfang der 1970er-Jahre zuwanderten. Etwa halb so groß (18 %) ist die Gruppe der Bewerber/-innen südeuropäischer Herkunft, die ebenfalls oft aus ehemaligen Gastarbeiterfamilien stammen. Die übrigen Bewerber/-innen (12 %) sind aus anderen Staaten und Regionen nach Deutschland zugereist.
Die BIBB-Analyse auf Basis der Bewerberbefragung umfasst nicht die rund 292.000 Jugendlichen, denen es im Vermittlungsjahr 2009/2010 ohne Unterstützung der BA gelungen ist, einen dualen Ausbildungsvertrag abzuschließen, und ebenso nicht die Jugendlichen, die von der BA als „nicht ausbildungsreif“ eingestuft wurden.
Die aktuelle Ausgabe des BIBB REPORT, Heft 16/11, steht unter http://www.bibb.de/bibbreport zum Download zur Verfügung. Dort finden Sie auch entsprechendes Zahlenmaterial in grafischer Form aufbereitet und in druckfähiger Qualität.
„Deutsch muss nicht zu Lasten des Türkischen gelernt werden“
Wo kann man die Muttersprache am besten lernen (In der Schule oder Zuhause)?
Beides und weder noch. Leider ist der Schulunterricht oft sehr ineffizient. Das liegt an verschiedenen Faktoren: Nicht jeder geht gern in die Schule. Lehrbücher sind manchmal alt, kaputt oder langweilig. Die Unterrichtmethoden sind nicht kommunikativ, sondern sehr traditionell auf reine Grammatik ausgerichtet. Es gibt wenig Zeit und es gibt Noten, die die Schüler abschrecken. Das alles ist nicht motivierend. Deshalb ist der Spracherwerb Zuhause, im Beruf und beim Studium oft viel effizienter. Das Problem beim Erwerb zu Hause ist, dass Eltern viel weniger auf die sprachliche Korrektheit achten, egal ob Türkisch oder Deutsch: Es wird oft Dialekt und es wird unvollständig und falsch gesprochen. Damit schleift sich aber schlechte und falsche Grammatik ein. Das kann sich dann stabilisieren und man bekommt die falschen Strukturen später nicht mehr weg. Das ist der große Nachteil des Lernens außerhalb des Unterrichts. Ausgleichen kann man diesen Nachteil , wenn man darauf achtet, dass Kinder korrekt sprechen. Es ist auch ganz wichtig, dass Eltern, Verwandte und Freunde den Kindern möglichst früh, schon wenn sie Babys sind, sehr viel vorlesen und Geschichten erzählen. Wenn die Kinder älter sind, dann lesen sie selber Bücher und wollen auch Geschichten schreiben. Das hilft viel, Sprache richtig zu lernen. Lesen ist der Schlüssel zur richtigen Sprachverwendung.
Sollen Migranten Zuhause mit ihren Kindern Deutsch sprechen?
Wir haben doch oft gemischte Familienformen. Ein Teil der Eltern spricht mit den Kindern Deutsch und ein Teil benutzt Türkisch oder eine dritte Sprache. Hier sollten die Eltern sich mit den Kindern in der Sprache verständigen, die sie am besten können. Wenn’s geht auf Deutsch. Aber es ist auch kein Problem, wenn die Eltern mit den Kindern Türkisch sprechen, vor allem wenn sie Türkisch besser können als Deutsch. Grundsätzlich gilt eigentlich, dass man die Sprache sprechen sollte, die man am besten kann. Wenn türkischstämmige Eltern nicht gut Deutsch sprechen können, dann sollten sie mit den Kindern Türkisch reden, damit die Kinder gutes Türkisch lernen und nicht falsches Deutsch. Eltern sollten kleinen Kindern ruhig türkische Geschichten auf Türkisch vorlesen und vorspielen und ruhig auch anfangen Türkisch zu schreiben. Es ist ein großes Problem von einigen Kindern aus Migrantenfamilien, dass sie die Schriftsprache nicht beherrschen. Zum Deutschlernen ist eigentlich außerhalb der Familie genug Zeit und Möglichkeit. Aber man darf seine Kinder auch nicht aus Angst vor der deutschsprachigen Umgebung davon fernhalten. Mit Freunden, in der Schule, in der Kita, beim Sport etc., überall kann man ausreichend Deutsch lernen, wenn man den Kontakt sucht. Aber auch die Eltern sollten eben Deutsch lernen, damit sie zum Beispiel mit den Lehrern reden und sich gut über Schule und Berufsausbildung informieren und die vielen Chancen für ihre Kinder nutzen können.
Woran liegt das Problem, dass in Deutschland aufgewachsene Migrantenkinder in der Schule Schwierigkeiten haben?
Das stimmt gar nicht für alle Kinder. Viele Migrantenkinder gehören zu den besten Schülerinnen und Schülern in ihren Schulen. Aber es gibt auch viele, die Schwierigkeiten haben. Und das hat viel mit der Bildungskultur zu tun. In Deutschland wird auch von Kindern erwartet, dass sie viel selbstständig und differenziert lernen und den Lernstoff produktiv weiterbearbeiten, nicht nur auswendig lernen und wiederholen. Dazu gehört dann aber auch eine ausgeprägte Sprachkultur und ein gutes Sprachbewusstsein für Präzision, Differenzierungen und Variation. Die Grundlagen für eine solche Sprachkultur beginnen zu Hause, zum Beispiel durch viel Lesen oder durch die gemeinsame Beschäftigung mit und Diskussion von interessanten Fragen des Alltags, der Arbeit, der Politik, der Sprache oder der Kultur.
Sollen Migrantenkinder erst mal ihre Muttersprache und dann Deutsch lernen?
(12.20) Ich bin für ein absolutes Mehrsprachigkeitssystem. Manche Leute behaupten, dass Migrantenkinder überhaupt nur Deutsch lernen sollen. Laut ihnen sollten Migrantenkinder die Familiensprache gar nicht lernen, und wenn überhaupt eine Fremdsprache, dann sollten sie vor allem Englisch als internationale Verkehrssprache lernen. Das halte ich für einen völligen Unsinn. Es ist richtig, dass in Deutschland lebende Türken Deutsch können müssen und sie sollten vor allem ihren Kindern ganz früh die Möglichkeit geben Deutsch zu lernen. Das muss aber nicht zu Lasten des Türkischen gehen. Die Kinder können parallel zwei oder drei Sprachen lernen. Das ist kein Problem. Jeder Mensch, der eine Sprache gelernt hat, kann auch eine zweite Sprache sehr gut lernen. Aber Eltern sollten auf die Korrektheit, Vielfalt und auf Schrift- und Bildungssprache achten, und zwar in allen Sprachen ihrer Kinder.
Bis zu welchem Alter kann man eine Sprache lernen? Manche Wissenschaftler behaupten, dass man eine Fremdsprache bis zum 12. Lebensjahr wie ein Muttersprachler lernen kann. Stimmt das?
Jeder Zeit; von Null bis 100. Das ist die Wahrheit. Die Hypothese zum 12. Lebensjahr hat sich nicht bewahrheitet. Man hat früher mal gedacht, dass es da eine kritische Periode gibt. Am ehesten gibt es Beschränkungen bei der Aussprache im fortgeschrittenen Alter. Man geht heute davon aus, dass sich das wesentliche Aussprachesystem bei Babies in den ersten drei Lebensmonaten einigermaßen verfestigt. Nach der Geburt findet in den ersten drei Monaten also eine gewisse Fixierung statt. Diese Fixierung ist aber für viele Menschen gar nicht hörbar und sie bedeutet nicht, dass man nicht Sprachen lernen kann. Wir wissen, dass für viele Leute nach dem Alter von 12 Jahren Sprachen ohne Akzent lernen können. In vielen Bereichen der Sprache ist Alter sogar ein Vorteil. Zum Beispiel lernen Menschen, die einen Beruf gelernt haben, sehr gut die Fachsprache in einer fremden Sprache, weil sie viel Wissen haben.
Warum ist das Image des Türkischen in Deutschland nicht so gut? (Z.B. wollen ganz wenige Deutsche Studenten Türkisch lernen)
(18.00 Auch in der Schule ist ein ähnlicher Trend zu beobachten. Es ist dabei im Prinzip jetzt schon technisch möglich, an öffentlichen Schulen Türkisch zu unterrichten und zu lernen. Man kann im Prinzip in Bayern auch in Türkisch Abitur machen. Allerdings kommen keine Gruppen zusammen, die groß genug sind, um gemeinsam Türkisch zu lernen. Was die Türkische Sprache betrifft, so liegt das mangelnde Image sicher an einer Ignoranz der Leute, die die Sprache nicht kennen. Deswegen können sie sie nicht richtig einschätzen. Dann gibt es auch die Vorstellung, Türkisch sei für Deutsche schlecht zu verstehen und zu lernen. Aber jede fremde Sprache ist am Anfang schlecht zu verstehen und schwer zu lernen. Wenn sich die Leute aber mit dem Türkischen beschäftigen würden, dann würden sie feststellen, dass es eine interessante und eigentlich eine sehr lernfreundliche Sprache ist, weil die Grammatik so systematisch ist, weil es viele bekannte Wörter gibt und weil viele Laute ganz ähnlich wie im Deutschen sind. Um das Prestige der türkischen Sprache zu erhöhen, wäre es meiner Meinung nach auch sinnvoll, die Erträge der türkischen Kultur und die türkische Wissenschaftskultur stärker zu präsentieren. Die Sprache folgt immer der Kultur, Wissenschaft und Kunst. Deshalb finde ich auch das Projekt der Deutsch-Türkischen Universität so wichtig, weil sie eine Möglichkeit bietet, deutsche und türkische Wissenschaftler zusammenzubringen und sie gemeinsam forschen und unterrichten zu lassen, am besten auf höchstem Weltklasseniveau. So etwas könnte eine Turbofunktion für eine Imagesteigerung haben.
Was würden sie zum Thema Integration sagen?
Die Forschungen zu Migration und Integration zeigen, dass die Integration von Migranten in Deutschland viel besser ist, als die Presse es darstellt. Und sie scheint besser zu sein, als in anderen Ländern. Es sind die Symbole, die von politischen Gruppen und den Medien propagiert werden, um meist in übertriebener Form Vorurteile zu schüren. Alle echten Studien zur Integration zeigen nämlich, dass es keine Integrationsverweigerung gibt, wie manche polemisch behaupten. Man kann auch mit bloßem Auge beobachten, dass das Zusammenleben verschiedener kultureller Gruppen unter Nachbarn, Kollegen, im Sport, beim Einkaufen oder wo sonst gemeinsame Interessen herrschen, meist gar kein Problem im Alltag ist. Was für die Menschen zählt, ist, ob jemand freundlich, hilfsbereit, ehrlich und vor allem anständig ist. Und da ist es ganz egal, ob jemand Türke, Deutscher, Amerikaner, Asiate oder Europäer ist.