Deutsche Unternehmen suchen Weg in türkischen Rüstungsmarkt

Die Bayraktar TB2 ist eine taktische, türkische Drohne, die von der Firma Baykar entwickelt wurde. Sie gilt inzwischen als Verkaufsschlager. Foto: Baykar

Eine deutsch-türkische Business Mission soll im Oktober deutschen Unternehmen neue Zugänge zur türkischen Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie eröffnen. Das Interesse fällt in eine Phase, in der Ankara seine Rüstungsindustrie ausbaut und zunehmend komplexe Waffensysteme entwickelt.

Ankara entwickelt sich zu einem zunehmend interessanten Ziel für deutsche Zulieferer aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Mitte Oktober soll eine deutsche Unternehmensdelegation in die türkische Hauptstadt reisen, um Kontakte zu Industrieunternehmen und Akteuren des türkischen Verteidigungs- und Sicherheitssektors zu knüpfen. Organisiert wird die Reise vom Mitteldeutschen Institut für Sicherheitsindustrie (MISI) und der in Istanbul und Ankara ansässigen Adlera Group. Bestandteil des Programms ist auch die Teilnahme an den „Industrial Cooperation Days in Defense and Aerospace“ (IDA Türkiye).

Dabei richtet sich die Mission ausdrücklich nicht nur an klassische Rüstungsunternehmen. Im Mittelpunkt stehen auch mittelständische Unternehmen aus Bereichen wie Automotive, Maschinenbau, Elektronik, Sensorik, Software sowie Werkstoff- und Energietechnik. Nach Angaben der Veranstalter liegt darin ein wesentliches Potenzial des türkischen Marktes: Die türkische Verteidigungsindustrie greift zunehmend auf Technologien und industrielle Kompetenzen zurück, die ursprünglich in anderen Hochtechnologiesektoren entwickelt wurden.

Zugang zu wachsendem Industrienetzwerk

Die Organisatoren wollen deutschen Unternehmen den Zugang zu bestehenden türkischen Industrienetzwerken erleichtern. Dazu zählen unter anderem SAHA Istanbul sowie OSSA/OSTİM. Zusammen repräsentieren die Netzwerke nach Angaben der Veranstalter mehr als 7.800 Unternehmen aus der türkischen Verteidigungs- und Luftfahrtindustrie.

Für Unternehmen, die bislang keine direkten Kontakte zur türkischen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie besitzen, soll die Reise einen Einstieg ermöglichen. Gleichzeitig richtet sich das Angebot an bereits etablierte Rüstungsunternehmen, die ihre industriellen Beziehungen in der Türkei ausbauen wollen.

Das Programm in Ankara ist zweigeteilt. Am 12. und 13. Oktober steht die Turkish-German Business Conference unter dem Titel „Strategic Partnership in a New Defense and Security Architecture“ auf der Agenda. Themen sind unter anderem Exportkontrolle, Dual-Use-Regelungen, industrielle Kooperation und resiliente Lieferketten. Vom 14. bis 16. Oktober folgt die IDA Türkiye, die als internationale B2B-Plattform für Industriekooperationen und Technologiepartnerschaften konzipiert ist. Nach Angaben der Veranstalter sind zudem individuell vorbereitete Geschäftstermine möglich.

Türkei will mehr als Abnehmer sein

Das wirtschaftliche Interesse deutscher Zulieferer trifft dabei auf eine Türkei, die ihre Verteidigungsindustrie in den vergangenen Jahren deutlich breiter aufgestellt hat. Ankara verfolgt den Aufbau eigener Fähigkeiten in zahlreichen Technologiefeldern – von Drohnen und Sensorik über Elektronik und Flugkörper bis hin zu komplexen maritimen und luftgestützten Systemen.

Wie weit diese Entwicklung inzwischen reicht, zeigt das türkische Raketenprogramm. Am 4. Juli 2026 wurde nach Angaben des Fachmagazins Europäische Sicherheit & Technik eine Variante des ballistischen Flugkörpers „Typhoon Block 3“ gegen ein Seeziel getestet. Dem Bericht zufolge traf die Rakete ein etwa sieben Meter langes Ziel in mehreren hundert Kilometern Entfernung. Die Angaben zu Test und Leistungsdaten beruhen dabei auf den von ES&T ausgewerteten Informationen; unabhängige Bestätigungen sämtlicher technischer Details liegen nicht vor.

Die Entwicklung ist insofern bemerkenswert, als damit nicht lediglich ein klassischer Flugkörper gegen stationäre Landziele beschrieben wird. Die von ES&T als „Typhoon Block 3A“ bezeichnete Variante soll vielmehr zur Bekämpfung beweglicher Seeziele ausgelegt sein. Dafür muss ein Flugkörper ein Ziel unter wechselnden Bedingungen erfassen, verfolgen und während der Endphase des Fluges bekämpfen können. Eine solche Fähigkeit ist auf ein größeres Aufklärungs- und Führungssystem angewiesen, das beispielsweise Sensoren, See- und Luftstreitkräfte sowie Datenverbindungen miteinander verbindet.

Wachsende technologische Ambitionen

Die technischen Leistungsdaten des Systems sind allerdings nur teilweise öffentlich bekannt. ES&T nennt für die Typhoon Block 3A unter anderem eine geschätzte Reichweite von 560 bis 800 Kilometern, eine mögliche Nutzlast von 250 bis 500 Kilogramm sowie ein Gewicht von rund 2,3 Tonnen. Bei diesen Werten handelt es sich ausdrücklich um Schätzungen. Auch die Annahme eines aus der türkischen ATMACA-Familie abgeleiteten aktiven Radarsuchers wird im Bericht als Analysteneinschätzung beschrieben.

Die Entwicklung solcher Systeme verdeutlicht einen wichtigen Wandel: Die Türkei tritt auf dem internationalen Rüstungsmarkt zunehmend nicht nur als Käufer ausländischer Technologien auf, sondern als Entwickler und Produzent eigener Systeme. Unternehmen wie Roketsan spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Typhoon-Familie wird von Roketsan entwickelt; laut ES&T ging eine frühere Variante, die Typhoon Block 2, bereits 2023 in die Serienproduktion.

Für ausländische Zulieferer entsteht dadurch ein ambivalentes Marktumfeld. Einerseits eröffnet der Ausbau der türkischen Verteidigungsindustrie neue Absatzmöglichkeiten für Komponenten, Software, Sensorik, Materialien und industrielle Dienstleistungen. Andererseits entwickelt Ankara eigene technologische Fähigkeiten weiter und versucht damit, Abhängigkeiten von ausländischen Lieferanten zu reduzieren.

Exportkontrolle bleibt ein Schlüsselfaktor

Entsprechend nimmt die Frage der regulatorischen Rahmenbedingungen einen prominenten Platz im Programm der deutschen Delegation ein. Exportkontrolle und Dual-Use-Regelungen gehören ausdrücklich zu den Themen der Business Conference.

Gerade für deutsche Unternehmen ist das relevant. Ein Einstieg in den türkischen Verteidigungsmarkt ist nicht allein eine Frage industrieller Nachfrage und technologischer Kompatibilität. Je nach Produkt, Technologie und Verwendungszweck können deutsche und europäische Exportkontrollvorschriften greifen. Bei Komponenten mit sowohl ziviler als auch militärischer Verwendung ist zudem eine genaue Prüfung des jeweiligen Anwendungsfalls erforderlich.

Damit wird die geplante Business Mission zu mehr als einer klassischen Wirtschaftsreise. Sie soll Unternehmen an einen Markt heranführen, der gleichzeitig Geschäftschancen bietet und aufgrund seiner sicherheits- und außenpolitischen Bedeutung besondere Anforderungen an Kooperationen stellt.

Markt mit strategischer Dimension

Die wachsenden technologischen Fähigkeiten der Türkei bilden den sicherheitspolitischen Hintergrund dieser Entwicklung. Die Beziehungen Ankaras zu mehreren westlichen Staaten sind von unterschiedlichen Interessen und teilweise erheblichen politischen Spannungen geprägt. Besonders deutlich zeigt sich dies im Verhältnis zu Israel und in der Rolle der Türkei im syrischen Konflikt. ES&T beschreibt die türkische Raketenentwicklung vor diesem Hintergrund als Teil einer wachsenden strategischen Herausforderung und verweist auf die zunehmende Bedeutung türkischer militärischer Fähigkeiten.

Für deutsche Unternehmen bedeutet das: Wer in der Türkei Geschäfte im Verteidigungsbereich anbahnen will, bewegt sich in einem Markt, dessen wirtschaftliche und sicherheitspolitische Dimensionen eng miteinander verbunden sind.

Auf der einen Seite steht der Wunsch türkischer Unternehmen nach internationalen Technologie- und Industriepartnerschaften. Auf der anderen Seite suchen deutsche Mittelständler neue Märkte und industrielle Kooperationen – im Spannungsfeld von Exportkontrolle, Dual-Use-Fragen und der politischen Sensibilität des Verteidigungssektors.

Ob aus der Geschäftsreise langfristige Partnerschaften entstehen, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, welche Technologien tatsächlich gefragt sind und unter welchen regulatorischen Bedingungen eine Zusammenarbeit möglich ist. Sicher ist jedoch: Die türkische Verteidigungsindustrie entwickelt sich zu einem immer breiteren industriellen Ökosystem – und deutsche Zulieferer beginnen, diesen Markt gezielter in den Blick zu nehmen.